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Geburtsbericht von Christin

Aktualisiert: 9. Sept 2018

Diese Blogreihe ist ein Plädoyer für die Bedeutung der frauenorientierten Geburtshilfe unabhängig vom Geburtsort, denn so unterschiedlich wie die individuellen Wünsche und Bedürfnisse sind, sehen auch die Geburten anders aus.

Vielen Dank an Christin, die die Blogreihe mit ihrem Bericht über ihre Geburtshausgeburt beginnt! In ihrer Erzählung kehrt sie zurück zu den Ereignissen kurz vor Weihnachten letzten Jahres und beschreibt die Geburt ihres ersten Kindes auf eine feinfühlige und emotionale Weise.


"Ich habe eine wirklich schöne und unkomplizierte natürliche Geburt erlebt und dabei die Wehen als helfend wahrgenommen. Meine Erfahrung möchte ich mit allen werdenden Mamas gern teilen, um Mut, Kraft und vor allem viel Liebe für ihre Geburten mitzugeben."

Kurz vor Weihnachten 2016, zwei Tage vor meinem errechneten Geburtstermin, begannen nachts gegen ein Uhr die Wehen. Erst war ich mir nicht sicher, ob es Wehen sind. Dann kamen sie unregelmäßig regelmäßig in 10- bis 30-minütigen Abständen. Ich blieb entspannt und ließ meinen Mann weiterschlafen, damit er mich später ausgeruht unterstützen könnte.


Durch den Geburtsvorbereitungskurs im Geburtshaus Charlottenburg, an welchem wir nur zwei Wochen zuvor teilgenommen hatten, fühlte ich mich bestens vorbereitet auf das für mich so neue Naturereignis meines Körpers. Am Morgen riefen wir gleich das Geburtshaus an und stellten uns nach dem Telefonat zunächst auf einen kuschligen Tag zuhause ein – auch wenn wir etwas ungeduldig und voller Vorfreude waren. Die Bereitschaftshebamme prognostizierte, dass die Geburt auf Grund des Hormonspiegels eher zum Abend bzw. zur Nacht hin richtig losgehen würde. Natürlich wurden die Wehen bis zum Nachmittag auch schon stärker. Und obwohl ich dachte, wir könnten bald schon ins Geburtshaus fahren, sagte mir die Hebamme beim Hausbesuch, dass ich immer noch in der Anfangsphase der sogenannten Eröffnungsphase war. Tatsächlich war ich ganz am Anfang. Also warteten mein Mann und ich weiter geduldig ab: Ich ruhte mich aus, schlief ein paar Stunden, wir kochten etwas Leckeres und ich widmete mich dem Einpacken der Weihnachtsgeschenke, während ich an unser schönstes Geschenk dachte. Sehr bald schon würden wir unser Baby im Arm halten.


Die Wehen wurden, wie erwartet, zum Abend hin immer stärker. Ich fühlte mich schon bereit ins Geburtshaus zu fahren, denn ich hatte ja keine Erfahrungswerte und konnte es nicht einschätzen, wann der richtige Zeitpunkt wäre. Ich sorgte mich etwas, ob wir rechtzeitig losfahren würden, da wir durch ganz Berlin mit dem Auto fahren mussten und im Berufsverkehr mit Stau zu rechnen ist. Das Hebammenteam vermittelte mir aber am Telefon, ich sei immer noch nicht so weit und dass ich im Geburtshaus auch nur darauf warten würde bis die Wehen an Kraft zunähmen. Es machte Sinn, weiter in den eigenen vier Wänden zu bleiben, wo man sich ohnehin am allerwohlsten fühlt. Ich bekam den Tipp, mir ein warmes Bad zu gönnen. Tatsächlich wurden danach die Wehen sofort viel stärker und deutlich intensiver. Sie erreichten eine andere Ebene.


Immer an meiner Seite war mein Mann, der mir als liebevoller Partner in jedem Moment gut zuredete und einfach voll und ganz für mich da war. Das war unglaublich wichtig und schön für mich, denn ich fühlte mich nicht nur durch seine Liebe sehr unterstützt, sondern auch sicher. Ich kann jedem werdenden Elternpaar einen Geburtsvorbereitungskurs ans Herz legen, denn dort wurde uns wirklich hilfreiches Wissen über den Ablauf der Geburt vermittelt, welches ich während der Geburt abrufen konnte. Mir hat es geholfen, den Wehen offen und neugierig zu begegnen, sie einfach wahrzunehmen. Keine Frau, die Wehen nicht schon einmal erlebt hat, wird das Gefühl von Wehen vor der Geburt einschätzen oder „vor-fühlen“ können. Wehen sind anders als erwartet. Ich dachte beispielsweise immer, sie seien ähnlich wie ganz heftige Menstruationsschmerzen. Wehen spielen sich aber viel mehr von innen zum Rücken hin ab und gehen mittig durch den Beckenbereich, was logisch ist, da sich das Baby da hindurch bewegt.


Ich habe die Wehen, beginnend mit der Eröffnungsphase, nicht primär als Schmerzen wahrgenommen, vielmehr als ein immer stärker werdender, nicht aufzuhaltender Druck. Und hier kommt die Überraschung: Ich würde schlimme Menstruationsschmerzen als lästiger beschreiben! Während der Wehen war mir bewusst, dass diese Kontraktionsbewegungen mich immer näher zu meinem Baby und zu einem neuen Lebensbeginn bringen. Immer wenn die nächste Wehe einsetzte, atmete ich von alleine tief bis ich mich in der nächsten Pause erholen konnte. Wir haben heute durch Filme oft ein falsches Bild davon. Meist wird eine Frau gezeigt, die nonstop Schmerzen hat, bis sie das Baby im Arm hält. So funktioniert das aber nicht – ein Glück. Es gibt tatsächlich zwischen jeder Wehe eine Ruhepause. Es sind eben Kontraktionsbewegungen der Gebärmutter, durch welche sich der Muttermund mehr und mehr öffnen kann. Das geschieht langsam und nicht in einem Schlag wie in den Filmen, die nur eine bestimmte Spielzeit haben. Werdende Mütter haben im echten Leben mehr Zeit: Das Baby braucht seine Zeit und unser Körper nimmt sich auch seine Zeit. Ohne dieses Zeitnehmen würden wir gar nicht die Geburt als solche erleben können. Wir müssen alles Schritt für Schritt erleben und wahrnehmen, um zu verstehen, was körperlich passiert. Indem ich die Veränderung der Wehenintensität so wahrnahm, konnte ich erfühlen, was ich tun und wie ich mich positionieren sollte. Das Atmen geschah von selbst.


Es war nun schon ein langer Tag, seitdem nachts die Wehen begonnen hatten. Es waren wirklich besondere Stunden meines Lebens, in denen sich meine kleine Tochter auf den Weg machte. Neben Aufregung und Vorfreude, kamen auch Anstrengung und Konzentration dazu – wobei diese beiden von nun an überwiegen würden. Gegen 23 Uhr kam dann meine Geburtshebamme Lea zu uns nach Hause. Ich wusste bis dahin nicht, dass sie diejenige werden würde, welche mich während der Geburt begleitet. Ich freute mich sehr. Aber um ehrlich zu sein, hätte ich mich auch über jede andere Hebamme des Geburtshaus Charlottenburg gefreut, da wirklich alle Frauen dort wunderbar, lieb und super ausgebildet sind. Sie teilen ihr Wissen und ihre Erfahrungen miteinander und stehen für einen sehr einfühlsamen Umgang mit Mutter und Baby. Als Lea die Herztöne vom Baby abhörte, fühlte ich mich eigentlich schon bereit für eine Hausgeburt – ich dachte nach Charlottenburg schaffe ich es mit den heftigen Wehen nun nicht mehr. Doch schon saß ich im Auto. Glücklicherweise waren die Straßen frei von Verkehr um diese Uhrzeit. Es war sicherlich nicht die angenehmste Autofahrt meines Lebens, aber nach einer Viertelstunde waren wir schon angekommen.


Lea musste der Weile gezaubert haben, denn sie öffnete uns die Tür und mein Lieblingszimmer mit Badewanne wartete schon auf mich. Noch 30 Minuten CTG, was ich ungeduldig hinnahm, und ich konnte ins warme Wasser steigen. Es fühlte sich angenehm an und wurde für mich zum perfekten Element während der Geburt. Ich befand mich mitten in meiner Wunschgeburt. Umgeben von meinem Liebsten, von einer wundervollen Hebamme und in einem Raum mit indirekten warmen Lampen und Teelichtern. Die Ruhe übertrug sich innerlich auf mich. Ich würde sie brauchen, um die Kraft, die in den nächsten zwei Stunden in mir frei werden würde, auszuhalten.


Die Wehen nahmen nun richtig Fahrt auf: Sie waren sehr intensiv bis die Presswehen einsetzten. Hebamme Lea maß weiterhin regelmäßig die Herztöne des Babys. Meiner Kleinen ging es wunderbar. Ich kam schnell in die Übergangsphase, die die größte Herausforderung während der Geburt darstellt. Lea gab mir ein natürliches Mittel, um die Wehen sogar wieder etwas zu verlangsamen, da das Aufeinanderfolgen der Wehen recht schnell war, alle 2 Minuten. Ab hier richtete sich mein Fokus und meine Aufmerksamkeit komplett auf meinen Körper. In meinem Raum im Geburtshaus war ich ohne Ablenkung, in Geborgenheit und Sicherheit. Während dieser Phase brachten die Wehen eine enorme Kraft in mir hervor. Das muss eine weibliche Urkraft sein, anders kann ich sie nicht beschreiben. So anstrengend es wurde, so faszinierend war es. Ich spürte, es geht nur noch in eine Richtung; es gibt kein „Entkommen“. Man kann diese Phase eigentlich nicht mit Worten beschreiben, man muss sie mit Körper und Seele erleben und einfach geduldig und offen für die Empfindungen sein. Alles geschah wie von selbst, während ich wie in Kommunikation mit meinem Körper war, der mir spürbar machte, was als nächstes geplant war. In der Übergangsphase hatte ich mehrmals das Gefühl, zwischendrin auch gern nach Urlaub, Verschiebung der Geburt oder „kann ich es mir nochmal überlegen“ fragen zu wollen – Lea lachte mir zu.


Die Presswehen begannen. Während dieser Phase hatte ich das Gefühl unbedingt pressen zu wollen, um die Geburt voranzubringen. Die Wehen wurden zum Bedürfnis. Ich schrie dabei so laut, als würde ich das Geburtshaus zum Einstürzen bringen wollen. Es war keineswegs aus Verzweiflung oder Erschöpfung – das Schreien half mir weiter Kraft „anzusaugen“ und während der Wehen zu pressen. Dann platzte die Fruchtblase. Das war wohl einer der Momente, der mir am stärksten in Erinnerung blieb. Es fühlte sich wirklich an, als würde ein Luftballon in mir platzen. Ich war vollkommen überrascht, erstaunt und belustigt zugleich. Lea war nun auch überrascht, dass es so zügig voranging und lief in das Nebenzimmer, um die zweite Hebamme zu holen.


Derweil tastete ich das Köpfchen von meinem Baby, das ich schon spüren konnte. Es war unglaublich, dass unser Baby nun gleich das Licht der Welt erblicken würde. Das als Frau erfahren zu dürfen, ist für mich wertvoller und aufregender als alles bisher erlebte. Hier kamen alle Elemente zusammen: Das Feuer durch meine innere Kraft, das Wasser in der Wanne, die Erde, auf der wir leben, und die Luft, die mich umgab. Wenn man als Frau Leben zur Welt bringt, erlebt man ein zweites Mal, geboren zu werden. Es ist nicht in Worte zu fassen. Die Natur der Frau greift auf allen Ebenen ineinander und wirkt in Perfektion und auch in Leichtigkeit. Ich staune immer noch mit Begeisterung, weil es bis heute mein Selbst- und Körpervertrauen stärkt. Die Vorstellung von Geburt ist in unserer Gesellschaft sehr durch Schwere und mögliche Risiken belastet. Aber wenn man körperlich sowie seelisch gesund und ohne Stress ist, kann jede Frau eine schöne Geburt ihres Babys erleben. Während des gesamten Geburtsprozesses wurde ich zu einer Mama, einer Löwenmama.

Als Lea mit der zweiten Hebamme Nadine, die auch den Geburtsvorbereitungskurs geleitet hatte, wiederkam, war ich so aufmerksam und mit allen Sinnen bei der Geburt, dass das Äußere verschwand. Auch das war wunderschön zu erleben – mein ganzes Bewusstsein war auf das körperliche Geschehen, das Hier und Jetzt, gerichtet. Nadine empfahl mir einen Positionswechsel und ich ging auf die Knie und hielt mich mit den Händen am Beckenrand der Wanne fest. Nur wenige Minuten und zwei Wehen später wurde unsere kleine süße Tochter geboren. Mein Mann sah sie schon unter Wasser schwimmen, unsere kleine Meerjungfrau, die langsam zu ihrer Mama ans Licht der Welt schwebte. Ich nahm sie gleich in meine Arme und legte sie mir an mein Herz. Der Moment, als wir uns das erste Mal in die Augen sahen, war der schönste meines Lebens, denn ich fühlte, wie vertraut und voller Liebe wir uns anblickten. Die Wehen, die vor ziemlich genau 24 Stunden begonnen hatten, waren zu diesem Zeitpunkt im wahrsten Sinne passé und vergessen. Wie durch einen Zauber war die Anstrengung der letzten Stunden scheinbar verflogen. Nun gab es nur noch uns drei.


Christin, 32 Jahre, über die Geburt ihres ersten Kindes


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